Nicht die Augen verschließen, sondern zusammenstehen
27. Januar: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Der 27. Januar ist der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Am 27. Januar jährt sich der Tag, an dem die Rote Armee 1945 die Vernichtungs- und Konzentrationslager in Auschwitz befreite. Weltweit erinnern Menschen an die Opfer der NS-Diktatur sowie an jene, die Widerstand leisteten und NS-Verfolgte schützten. Auch in Schönebeck (Elbe) legten die Fraktionen CDU/FDP und SPD/Die Linke/Grüne gemeinsam mit der Stadtverwaltung Kränze am Mahnmal Nicolaistraße nieder.
Stadtratsvorsitzende Cornelia Ribbentrop sprach mahnende Worte und startete mit einem Zitat von Rainer Maria Rilke: "Der Tod ist groß, wir sind die Seinen lachenden Munds, wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns."
Auszüge aus der Ansprache der Stadtratsvorsitzenden:
"Im vergangenen Jahr hatte ich meine Familie und meine Freunde ins Puppentheater Magdeburg in die Puppenausstellung Villa P eingeladen. Wir wurden selbst wieder zu Kindern, als wir die großen Handpuppen und Stabfiguren führen durften. Wir haben gestaunt und gelacht und mittendrin in dieser bunten Schar aus Pappmaché, Holz und Stoff fand sich eine schlichte Vitrine mit fadenscheinigen Figürchen und einer Erläuterung: KZ Ravensbrück. Weihnachten 1944. 400 Kinder. Die gefangenen Frauen setzten durch, eine Art Weihnachtsfeier für die Kinder durchführen zu dürfen. Eine Frau nähte aus Fetzen alter Häftlingskleidung kleine Püppchen für ein Puppenspiel. Bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 30. April 1945 waren von den 400 Kindern nur noch 10 am Leben.
Wie verblendet, bösartig rassistisch und gottvergessen können Menschen sein, dass sie willentlich Kindern die Zukunft stehlen? Insgesamt fielen dem Holocaust 1,5 Millionen Kinder zum Opfer. Zum Vergleich: Das sind fast so viele Menschen (zwei Drittel) wie Sachsen-Anhalt Einwohner hat.
Ihrer wollen wir heute gedenken und um ihretwillen dürfen wir die Augen nicht vor der Geschichte, vor unserer Geschichte verschließen. Und um ihretwillen müssen wir uns mit der Gegenwart und der Zukunft auseinandersetzen. Wollen wir es wirklich zulassen, dass unser Land aus Frust, Intoleranz, Bequemlichkeit und Hass einer Partei zum Opfer fällt, deren Ideologie uns um 100 Jahre in die Vergangenheit zurückkatapultiert? Wollen wir es wirklich zulassen, dass ein Wahlprogramm, welches sich liest als sei es aus dem Grundsatzprogramm der NSDAP von 1920 kopiert worden, das Handeln unseres Bundeslandes bestimmt?
Damals forderte die NSDAP: "Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist. Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muss unter Fremdgesetzgebung stehen. Daher fordern wir, dass jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf. Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, dass alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden."
Der MDR, der bereits zu dem sein einigen Tagen vorliegenden AfD-Wahlprogramm recherchiert hat, fasst es in diesem Punkt folgendermaßen zusammen: "Gefordert wird dem Programmentwurf nach eine "migrationspolitische Kehrtwende um 180 Grad" und eine umfassende Abschiebeoffensive. Migration wird hierbei als grundlegende Bedrohung dargestellt, verbunden mit Begriffen wie "kulturfremd" oder "inländerfeindlich". Asyl soll ausdrücklich nur ein "Gastrecht auf Zeit" sein. Geplant sind offenbar zentrale Unterkünfte außerhalb von Innenstädten, eine flächendeckende Arbeitspflicht für Asylbewerber sowie die Beschlagnahmung von Vermögenswerten bei der Einreise. Bargeld, Kreditkarten und andere Werte sollen laut Programm "festgestellt, konfisziert und für die Finanzierung von Unterbringung und Verpflegung verwendet werden. Vereine und Initiativen sollen künftig nur dann staatliche Förderung erhalten, wenn sie ein "glaubhaftes Bekenntnis zur demokratischen Ordnung und zu einer patriotischen Grundhaltung" ablegen, eine Art politische Loyalitätsprüfung mit direkten Folgen für Sportvereine, Kulturinitiativen oder Dorffeste."
Wollen wir wirklich zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt? Für unsere Kinder, für unsere Zukunft und im Gedenken an jene, die keine Zukunft hatten, müssen wir mit offenen Augen durch die Welt gehen und auch wenn es bequemer ist, nicht hinzuschauen, wir müssen zusammenstehen - dicht beieinander, einig, zumindest in diesen grundsätzlichen Punkten, so wie unser Hochwasserschutz, als Deich gegen die braune Brühe."






