Der Großvater als Zauberkünstler
100. Geburtstag Dario Malkowski – Artikelserie – Teil 3: Förderer und Wegbegleiter
Manche Lebensgeschichten sind so außergewöhnlich, dass sie weit über das eigene Schicksal hinausweisen. Die Geschichte von Dario Malkowski gehört dazu. Am 14. Juni 2026 wäre der Schönebecker Künstler 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass wird dem Ehrenbürger und Rathauspreisträger eine Artikelserie gewidmet. Heute: Förderer und Wegbegleiter.
Geboren wurde Dario Malkowski 1926 in Schönebeck an der Elbe. Schon früh zeigten sich seine mathematische Begabung und sein handwerkliches Geschick. Vieles deutete darauf hin, dass er einmal einen technischen Beruf ergreifen würde. Doch stärker als jede andere Neigung war seine Liebe zur Kunst. „Ich wollte immer Maler werden“, sagte er später über seine Jugendträume.
Die künstlerische Ader lag ihm gewissermaßen im Blut. Sein Großvater Dario Paini stammte aus Italien und war eine schillernde Persönlichkeit. Ursprünglich hatte er Malerei studiert, bevor er als Magier internationale Bekanntheit erlangte. Nach seinem Debüt im Jahr 1886 trat Paini in zahlreichen Städten Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches auf. Sein Leben nahm jedoch eine entscheidende Wendung, als er in Schönebeck Auguste Fronecke, die Tochter eines Baumeisters, kennenlernte. Weil sie ihre Heimat nicht verlassen wollte, entschied sich Paini für Deutschland. Nach ihrer Hochzeit 1893 wurden die Töchter Bianka und Erna geboren. Viele Jahre später ehrte Bianka Malkowski ihren Vater auf besondere Weise: Sie gab ihrem Sohn denselben Vornamen – Dario.
Zwischen Großvater und Enkel entwickelte sich eine enge Beziehung. Dario Malkowski verehrte seinen Großvater und trug dessen Namen mit Stolz. Die gemeinsamen Spaziergänge und Erzählungen prägten ihn ebenso wie die künstlerische Atmosphäre, die ihn von Kindesbeinen an umgab. Doch das Leben hielt für ihn einen schweren Schicksalsschlag bereit. Der Krieg nahm ihm das Augenlicht. Als Vollblinder wurde er aus dem Lazarett entlassen. Für viele Menschen wäre dies das Ende aller künstlerischen Träume gewesen. Für Dario Malkowski bedeutete es einen Neuanfang.
Er musste seinen ursprünglichen Wunsch, Maler zu werden, aufgeben. Stattdessen entdeckte er die Welt der plastischen Kunst. Mit seinen Händen lernte er zu sehen. Holz, Ton und später Bronze wurden zu seinen Ausdrucksmitteln. Aus der Dunkelheit heraus schuf er Werke von beeindruckender Ausdruckskraft.
Auf diesem Weg begegnete er Menschen, die ihn unterstützten und begleiteten. Besonders prägend war der Bildhauer Emil Schwantner. Als Malkowski nach dem Krieg mit der Schnitzerei begann, wurde Schwantner zu einem Freund und Mentor. Später erinnerte sich Malkowski selbst daran, wie entscheidend dessen Einfluss für seinen künstlerischen Werdegang gewesen war.
Doch Dario Malkowski blieb nicht nur ein bedeutender Künstler. Er wurde auch Lehrer, Förderer und Inspiration für viele andere. Über Jahrzehnte leitete er Keramik- und Kunstzirkel, gab sein Wissen weiter und ermutigte Menschen, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Zahlreiche spätere Keramiker, Kunstpädagogen und Hobbykünstler gingen durch seine Kurse. Seine Arbeit zeigte, dass Kunst nicht nur geschaffen, sondern auch vermittelt werden kann.
Wie sehr er andere Menschen beeindruckte, beschrieb sein langjähriger Freund Hans-Hermann Laube mit bewegenden Worten: „Wenn man ihn bei seiner Arbeit mit Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedenster Berufsgruppen beobachtet, vergisst man schnell, dass hier ein Blinder den Sehenden das Sehen lehrt.“ Für Laube war Malkowski ein rastloser Mensch, der neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit stets anderen half, ihr Leben reicher zu gestalten.
Zu seinen Weggefährten gehörten auch Barbara Ludwig, die in den 1980er-Jahren für eine seiner bekanntesten Figuren Modell stand, sowie der ehemalige Pfarrer Rüdiger Meussling, mit dem ihn mehrere kirchliche Kunstprojekte verbanden. In der Schönebecker Kunstszene wirkten zudem Künstlerpersönlichkeiten wie Werner Tübke, Christof Grüger, Eva-Maria Heseler, Ewald Blankenburg und die Heise-Schwestern, die das kulturelle Leben der Region nachhaltig prägten.
Bis heute ist Dario Malkowskis Werk eng mit Schönebeck verbunden. Im iMUSEt wird sein Lebenswerk im Rahmen der Ausstellung „Künstlerstadt Schönebeck“ präsentiert. Anlässlich seines 100. Geburtstages würdigt das Museum den außergewöhnlichen Künstler mit der Ausstellung „Dario Malkowski 2.0“. Sie wird am 28. Juni 2026 eröffnet und lädt Besucher dazu ein, das Werk und die Lebensgeschichte eines Mannes neu zu entdecken, der trotz Blindheit Generationen von Menschen die Augen für Kunst und Schönheit öffnete.
Dario Malkowski hinterließ weit mehr als Skulpturen und Plastiken. Er hinterließ eine Botschaft: Grenzen existieren oft nur so lange, bis jemand den Mut findet, sie zu überwinden.




