Den Sehenden das Sehen lehren
100. Geburtstag Dario Malkowski – Artikelserie – Teil 1: Privates und Persönliches
Das letzte, was Dario Malkowski im November 1944 sah, war das Morgenrot über Jülich, bevor ihn eine Granate schwer verletzte und er sein Augenlicht verlor. Dass aus ihm später der einzige blinde Keramiker und Bildhauer mit Staatsexamen in Deutschland werden würde, schien damals kaum vorstellbar. Seine Werke fanden weit über die Region hinaus Anerkennung und brachten ihm den Beinamen „Künstler mit sehenden Händen“ ein. Am 14. Juni 2026 wäre der Schönebecker 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass wird dem Ehrenbürger und Rathauspreisträger eine Artikelserie gewidmet.
Mit handwerklichem Geschick und ausgeprägter mathematischer Begabung hatte Dario Malkowski früh einen klaren Berufswunsch: „Ich wollte immer Maler werden.“ Nach seiner schweren Kriegsverletzung musste er sein Leben jedoch neu ordnen. Der Neuanfang verlangte ihm große Kraft, Disziplin und Beharrlichkeit ab. Als Vollblinder wurde Malkowski aus dem Lazarett entlassen. Den Weg über eine Blindenschule schlug er nicht ein – stattdessen entwickelte er seinen eigenen Zugang zu Kunst und Handwerk.
Für einen Menschen, der die Malerei als seine eigentliche Berufung empfand, bedeutete der Verlust des Augenlichts einen tiefen Einschnitt. Zugleich stellte sich die Frage nach einer neuen beruflichen Perspektive. In einer Lebensphase, die eigentlich von Aufbruch geprägt sein sollte, begann für ihn ein mühsamer und zugleich außergewöhnlicher Weg. Dieser führte nicht in Resignation, sondern zu einer neuen Form künstlerischen Ausdrucks. Mit großer Entschlossenheit wandte sich Malkowski der Bildhauerei zu – ein Schritt, der angesichts seiner Erblindung ebenso ungewöhnlich wie bewundernswert war.
Nach der Gewerbeprüfung als Holzschnitzer studierte er an den Fachschulen für angewandte Kunst in Magdeburg und Leipzig und schloss das Studium mit dem Staatsexamen ab. Seine künstlerische Arbeit begann mit der Holzschnitzerei. Erinnerungen, Formen und neue Eindrücke übersetzte er dabei in plastische Arbeiten – seine Hände wurden zu seinem wichtigsten Werkzeug der Wahrnehmung. Dies geschah in einer Zeit, in der Sachsen-Anhalt wie große Teile Deutschlands vom Krieg gezeichnet war. Neben den zerstörten Städten lag auch das kulturelle Leben weitgehend am Boden. Der Wiederaufbau und die Überwindung materieller Not standen zunächst im Vordergrund. Dennoch blieb Malkowski seiner Heimatregion, den Menschen und der Natur stets eng verbunden.
Heute zeugt ein umfangreiches Gesamtwerk von seinem handwerklichen Können, seiner künstlerischen Reife und gedanklichen Tiefe. Ausstellungen – unter anderem in den Schönebecker Stadtwerken – machten sein Schaffen immer wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und stießen auf großes Interesse. Neben seiner bildhauerischen Arbeit schrieb Dario Malkowski auch Gedichte. Ursprünglich als persönliche Reflexionen gedacht, wurden sie 2007 in Buchform veröffentlicht.
Malkowski arbeitete mit unterschiedlichsten Materialien. Neben Keramik nutzte er unter anderem Bronze, Kunststein und Holz. Viele seiner Werke greifen Motive aus der Natur auf: Pflanzen, Tiere und der menschliche Körper gehören zu den wiederkehrenden Themen seines Schaffens, darunter Arbeiten wie „Die Knieende“. Einen besonderen Stellenwert nahm darüber hinaus die Vermittlung künstlerischer Arbeit ein. Mit großer Geduld und Beharrlichkeit brachte er zahlreichen Menschen das plastische Gestalten näher. Generationen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen lernten unter seiner Anleitung den Umgang mit Ton und Form. Ab 1966 leitete er unter anderem den Volkskunstzirkel für Erwachsene sowie einen Rehabilitationszirkel für blinde und sehgeschädigte Menschen.
Kunst war für Dario Malkowski kein Selbstzweck. Sie war für ihn Ausdrucksmittel, Begegnung und Möglichkeit, Menschen zu ermutigen und miteinander zu verbinden. Für sein Wirken erhielt er zahlreiche Ehrungen. 1995 wurde er als erster Künstler mit dem Rathauspreis ausgezeichnet. Am 22. März 2004 verlieh ihm der damalige Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz am Bande. Mit seinen Werken und seinem Engagement prägte Dario Malkowski das kulturelle Leben Schönebecks nachhaltig und bereicherte die Ausstrahlung der Stadt weit über ihre Grenzen hinaus. Bis heute.




