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Montag, 18 Nov 2019
Sie sind hier: Start Aktuelles 2019 06 / 2019 Veranstaltung „Lieber daheim als im Heim“ in Schönebeck
Veranstaltung „Lieber daheim als im Heim“ in Schönebeck PDF Drucken

KomZ2019_KopieGemeinsam mit den Teilnehmenden aus Politik, Verwaltung und Gesundheitsbranche beleuchteten vor wenigen Tagen die Akteure des Kompetenzzentrums soziale Innovation (KomZ) des Landes Sachsen-Anhalt, welche Rehabilitationschancen und damit verbundene Potentiale der Pflegevermeidung oder -verringerung aufgrund einer ambulant-geriatrischen Komplexbehandlung bestehen. Die Veranstaltung "Lieber Daheim als im Heim" fand Ende Juni 2019 im IGZ INNO-LIFE in Schönebeck/ Bad Salzelmen statt. Das KomZ widmete sich zusammen mit dem Ambulanten Geriatrischen Rehakomplex (AGR Schönebeck) (vertreten durch Dr. med. Burkhard John) dem Thema der wohnortnahen Rehabilitation, sowie deren Potentialen. Nach der offiziellen Begrüßung und den einleitenden Worten durch Geschäftsstellenleiterin Susanne Winge sprachen unter anderem...

KomZ2019c_Kopieder Bundestagsabgeordnete Tino Sorge, Arbeits- und Sozialministerin Petra Grimm-Benne und Gisela Schröder. Schönebecks stellvertretende Oberbürgermeisterin überbrachte die Grüße der Stadt und des Stadtoberhauptes und referierte in ihrem Grußwort:

"Es ist schön, dass wir so viele Protagonisten aus der Politik, der Wohnungswirtschaft, dem Gesundheitswesen, den Sozialverbänden und dem Bildungswesen in unserer Stadt begrüßen können. Ich freue mich sehr und bedanke mich dafür, dass mir vom Kompetenzzentrum "Soziale Innovation" die Gelegenheit für einige Grußworte gegeben wird.

Ja, meine Damen und Herren, ich kenne niemanden, der das Thema des heutigen Tages - "Lieber Daheim als im Heim" - nicht sofort unterschreiben würde. Insofern haben wir ja schon einmal einen großen Konsens.

Aber heute geht es ja nicht nur um die Bestätigung dieser Übereinstimmung, sondern es geht darum, wie wir diesen Wunsch, wie wir diese Priorität des persönlichen Zuhauses noch besser und noch häufiger in die Tat umsetzen können.

Es geht also um die soziale Qualität im engeren und um die Lebensqualität im weiteren Sinne, die wir in unserem persönlichen, privaten Lebensraum, in unserem Zuhause vorfinden möchten.

KomZ2019b_KopieEs geht heute sicher nicht darum, das Leben in einem Heim in irgendeiner Weise stigmatisieren zu wollen, denn die Situation in unseren Pflegeeinrichtungen ist allein ein komplexes gesellschaftliches Thema, was aktuell und zurecht auf vielen Ebenen diskutiert wird. Das Stichwort Pflegenotstand ist allenthalben bekannt.

Aber gerade  weil wir es auf diesem Felde eben mit einer schwierigen Gemengelage zu tun haben, rückt doch parallel das persönliche "Daheim", das gewohnte Zuhause, die private Wohnadresse beim Älterwerden immer mehr in den Fokus. Wer geht von dort schon gerne weg?

Insofern muss der Begriff Pflege einen viel größeren Horizont assoziieren, als dabei nur an Altenheime und Senioreneinrichtungen zu denken. Pflege geht uns alle an. Die Politik, das Gesundheitswesen, die Träger der Heime ohnehin - aber eben auch und immer mehr die Wohnungswirtschaft und die Familien und deren Angehörige.

KomZ2019a_KopieIch stehe ja hier vor Fachleuten und brauche eigentlich nicht nochmals die allen bekannte demografische Entwicklung - das verlässliche Älterwerden unserer Gesellschaft - im Einzelnen vortragen. Das hieße die berühmten Eulen nach Athen zu tragen.

Aber wir wissen auch: Diese Entwicklung ist jedenfalls ein Fakt und eine Herausforderung zugleich.

Nun möchte nach den einleitenden Worten nun aber doch etwas konkreter werden. Wir sind ja hier in Schönebeck, einer Beispielstadt. Wenigstens für uns darf ich vielleicht trotzdem einige signifikante Zahlen der Altersentwicklung nennen, meine Damen und Herren:

Hatten wir in Schönebeck noch vor 20 Jahren einen Anteil von gut 25 Prozent an über 60-jährigen, also etwa 7.500 Einwohner, so waren es im Jahre 2017 bereits gut 37 Prozent, also etwa 11.000 Einwohner - eine unglaubliche Steigerung.

Wenn ich heute zu Ihnen sprechen darf, dann möchte ich angesichts dieser Zahlen im Rahmen des vorgegebenen Themas einmal die Wohnungswirtschaft als Beispiel herausgreifen und ein Unternehmen aus Schönebeck etwas näher betrachten:

Heute, im Jahre 2019, hat es unsere Städtische Wohnungsbau GmbH SWB bereits mit einem Anteil von um die 50 Prozent an Mietern mit einem Alter über 60 Jahre zu tun. 50 Prozent. Das zeigt die ganze Dimension der Entwicklung. Allein bei einem Alter über 81 Jahre betreut die SWB immer über 500 Mieterinnen und Mieter.

Aber unsere 100-prozentige Stadttochter mit ihrer Geschäftsführerin Sigrid Meyer an der Spitze stellt sich diesen Herausforderungen schon seit mehreren Jahren. Und sie tut dies mit innovativen Ideen und großen sozialem Engagement, das kann ich ganz ohne jede Übertreibung sagen.

"Lieber Daheim als im Heim" ist bei der SWB sozusagen schon seit Langem der Leitgedanke der Unternehmensphilosophie. "Sozial und innovativ", so wie diese Veranstaltungsreihe heute heißt, ist alles andere als ein Fremdwort für das Unternehmen. Einige Beispiele mögen dies unterstreichen:

Bereits im Jahre 2002 hat unser Wohnungswirtschaftler die Zeichen der Zeit erkannt und besondere Konzepte für ältere und in ihrer Gesundheit eingeschränkte Mieterinnen und Mieter entwickelt. Wenn in der Medizin der Werbespruch gilt "Vorbeugen ist besser als heilen", dann gilt er gewissermaßen auch für das Wohnen im Alter.

Die SWB sagte sich also, je länger Wohnen in gewohnten und vertrauten Quartieren möglich ist oder zumindest ähnliche Wohnformen gefunden werden, und je besser die äußeren Umstände und Gegebenheiten dafür geschaffen werden, je mehr soziale Qualität hat unsere Stadt-Gesellschaft, und diesmal ist nicht die GmbH damit gemeint, sondern das Gemeinwesen unserer Bürgerinnen und Bürger.

Mehr und mehr rückten demnach alternative Wohnformen in den Blickpunkt, und man redete nicht nur, sondern ließ Taten folgen. Insgesamt 13 Selbstorganisierte Wohngemeinschaften, bei denen die Familienangehörigen aktiv mitwirken und sich einbringen können, wurden geschaffen.

Es sei hier daran erinnert, dass es in ganz Sachsen-Anhalt insgesamt gerade 18 dieser Wohnformen existieren, allein Schönebeck also 13.

Parallel gibt es auch nicht selbstorganisierte Wohngemeinschaften mit einem Pflegedienst, aber vollem Wohnhausrecht. Es sollte die freie Wahl zwischen Mietvertrag und Pflegevertrag möglich sein.

Die heutige Angebotspalette an alternativen Wohnformen bei der SWB ist inzwischen breit aufgestellt: Es gibt allein sieben zivilrechtliche Wohngemeinschaften für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und insgesamt 70 Plätzen.

Alle diese Wohngemeinschaften sind in Bestandsimmobilien etabliert, so dass Barrierefreiheit zwar nicht immer DIN-gerecht möglich war, aber zumindest annähernd und mit dem Einbau von Fahrstühlen.

In den zivilrechtlichen Wohngemeinschaften gibt es aktive Angehörigenräte und umfassende Satzungen, die das Zusammenleben regeln. Der Pflegedienst ist 24 Stunden vor Ort, genießt Gastrecht, und mit den weiteren sozialen Akteuren wird eng zusammengearbeitet.

Weiterhin wurden durch die SWB zwei Human-Wohngemeinschaften eingerichtet, was angesichts der großen Sensibilität dieses Bereiches eine große Herausforderung darstellte, denn es handelt sich hier um Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt.

An dieser Stelle möchte ich an die enge und dankenswerte Zusammenarbeit der SWB mit dem AMEOS-Klinikum verweisen. Mit diesen Human-WGs nehmen wir in Schönebeck eine Vorreiter-Position in Sachsen-Anhalt ein. Und dieses Thema - so viel ist sicher, gewinnt angesichts der demografischen Entwicklung ebenso immer mehr an Bedeutung.

Auch das Betreute Wohnen selbst, und dies auf hohem sozialen und Komfort-Niveau, findet sich unter der Regie der SWB  - denn im modern rekonstruierten und historischen Thimann-Stift  fühlen sich Menschen 21 Wohnungen wohl und zuhause, wie nicht zuletzt auch schon die Presse berichtete.

Absoluten Modellcharakter für Sachsen-Anhalt - und das sagen nicht nur wir, sondern auch Dritte - hat das durch die SWB neu gebaute Kompetenzzentrum "Anker" für an Demenz erkrankte Menschen in der Wilhelm-Hellge-Straße unserer Stadt. Heute ist die Humanas GmbH & Co. Immo KG verantwortlicher Träger dieser niveauvollen Einrichtung.

Seit September 2015 werden hier alle Stufen dieser Erkrankungsform in einem sehr angenehmem Wohnumfeld betreut. Es gibt hier eine Tagespflege, zwei betreute Wohnungen, eine Wohngruppe mit 8 Einzelpersonen und eine Wohngruppe für 8 Ehepaare, wo also auch der gesunde Ehepartner mit seinem Partner gemeinsam wohnen kann.

Nicht unerwähnt möchte ich lassen, das eigens für dieses Kompetenzzentrum "Demenz" ein Lebensgarten geschaffen wurde, in dem die Bewohner Erholung, Zerstreuung und Entspannung finden. Nicht zuletzt wurde ein aussagekräftiger Demenzwegweiser als Druckerzeugnis erarbeitet. An all dem ist erkennbar, dass dem Ansatz der Ganzheitlichkeit hier entsprochen werden soll.

Eine weitere Errungenschaft ist übrigens folgende: Allein drei Wohngruppen mit 32 Plätzen für Jugendliche mit geistiger Einschränkung hat die SWB ebenso geschaffen. Aber dies nur am Rande im Zusammenhang mit der Ganzheitlichkeit, denn es geht ja heute um Seniorinnen und Senioren, um den ambulant-geriatrischen Pflegeansatz.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich denke, vielleicht ist am Beispiel des Umgangs unserer Städtischen Wohnungsbaugesellschaft mit dem Thema "Wohnen im Alter" deutlich geworden, dass wir uns in Schönebeck den sozialen Herausforderungen der Zukunft zu stellen versuchen.

Dabei habe ich noch nicht einmal das hohe Betreuungsniveau unserer großen Pflegeeinrichtungen wie etwa des Diakonievereins Burghof oder des Magdalenenhofes beschrieben. Oder Einrichtungen des Gesundheitswesens wie dem Geriatrischen Reha-Zentrum von Dr. John, dem erwähnten AMEOS-Klinikum oder der Reha-Klinik Waldburg-Zeil in Bad Salzelmen. Und nicht zuletzt das Engagement unserer weiteren Wohnungswirtschaftler wie der WBG oder der GWG.

Und vor allem: Die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, auch den sozialen Trägern und Verbänden wie dem ABiSA, der Bürgerstiftung, dem Stadtseniorenrat, der AWO, den Grünen Damen und nicht zuletzt der Seelsorge - diese Zusammenarbeit, die man heute Netzwerkarbeit nennt - funktioniert offenbar.

Ich weiß: Das war jetzt zwar eine ziemlich lange Aufzählung von Namen und Einrichtungen und Organisationen, aber sie unterstreicht eigentlich nur, dass wir in Schönebeck nicht so schlecht aufgestellt sind mit unseren Alten, wenn ich einmal flapsig ausdrücken darf.

Aber die vielen guten Beispiele, die ich nannte, sollen dennoch nicht kaschieren, dass wir alle aufgefordert sind, sozusagen am Ball zu bleiben und vieles noch besser zu machen. Im Tal der Glückseligkeit sind wir noch längst nicht angelangt. Nicht in Deutschland, nicht in Sachsen-Anhalt, und selbst bei uns in Schönebeck gibt es sicher noch Reserven.

Meine Damen und Herren, lassen Sie deshalb mich abschließend noch einmal fragen: Warum machen wir das alles eigentlich?

Ich denke, der erste Ansatz zur Beantwortung dieser Frage liegt in der Würde des Menschen, so wie es Artikel 1 unseres in diesem Jahr 70-jährigen Grundgesetzes sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Da steht nicht "Die Würde des Gesunden, des Deutschen, des Jüngeren". Da steht "des Menschen". Und da die Menschen nun einmal immer älter werden, müssen wir unsere Verfassung mit dieser Tatsache des Älterwerdens in Einklang bringen. Dies ist unser Ziel und unsere letztendliche Aufgabe.

In diesem Sinne wünsche ich der heutigen Veranstaltung viel Erfolg und Erkenntnisgewinn!

Ich danke Ihnen", so Gisela Schröder.

Im folgenden Verlauf der Veranstaltung sprachen Ministerin Petra Grimm-Benne und Tino Sorge (MdB) über die Sichtweisen des Landes Sachsen-Anhalt bzw. des Bundes zur "Pflege von morgen" sowie über die Schwerpunkte, Herausforderungen und Ansprüche an den Demografischen Wandel und den Pflegebereich insgesamt. Anschließend fanden interessante Vorträge, Präsentationen und Testimonials statt.

Das KomZ wird im Rahmen des Operationellen Programms der EU-Förderperiode (Europäischer Sozialfonds) 2014-2020 durch das Land Sachsen-Anhalt über das Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration gefördert.